Digital ist besser

ich erinnere mich noch sehr gut an den Titel des ersten Albums der deutschen Indierock-Gruppe Tocotronic. Es wurde 1995 veröffentlicht. 1995! Ein Jahr nachdem das Internet geboren war und wir noch eifrig mit dem Faxgerät hantierten. 

Dass wir kurz darauf statt Briefe Emails schreiben würden, dass wir uns mit Geolokalisierungssystemen durch die Straßen navigieren oder unsere Freunde im Computer treffen, dass sich unser gesamter Lebensalltag ins Virtuelle verlagern würde, daran hatten wir damals nicht gedacht.

Ist digital ist besser…?
Ob Musik, Mode, Literatur oder Bildende Kunst: Meilensteine werden stets durch Künstler in Reaktion auf ihre Zeit geprägt.

© Aram Bartholl, „Dead Drops“, 2010 Filesharing-Network in public space

Aram Bartholl (*1972), zum Beispiel, ist ein in Berlin lebender Konzept- und Medienkünstler, der sich mit einem vielseitigen Spektrum an Arbeiten stets am Puls seiner Zeit bewegt. Dieser ist geprägt durch die digitale Revolution und so kommt es, dass die Arbeiten von Aram Bartholl historisch relevant dokumentieren, was morgen schon wieder obsolet erscheint. Die kritische Auseinandersetzung mit diesen digitalen Welten und deren Auswirkungen auf den menschlichen Alltag stehen im Zentrum des Werks von Aram Bartholl. Der Name seiner Website ist Programm: datenform.de
„Dead Drops“ dagegen ist ein offlinebasiertes globales Peer-to-File-Sharing Netzwerk im öffentlichen Raum, das der Künstler erstmals 2010 in New York, realisiert. Die Idee ist einfach und zugleich genial. Mittels Spachtelmasse werden USB-Laufwerke in Wänden oder Bordsteine eingemörtelt und für die breite Öffentlichkeit nutzbar gemacht, so dass jeder Passant mit einem Notebook, digitale Daten von den „Dead Drops“ ziehen oder hinterlassen kann. Internetzugang ist für das Teilen dieser Daten weder notwendig noch erwünscht. Im Gegenteil, sie umgehen die global in die Kritik geratene Online-Überwachung der NASA sowie des britischen Geheimdienstes und ermöglichen den ungestörten Datentransfer. 

Die Beeinflussung von Online-Daten im Offline-Raum ist das zentrale Thema des Künstlers und reicht bis zur vollkommenen Abdankung des Internets. Arbeiten wie „Dropping the Internet“ (2014) fungieren als persönliches Kommentar des Künstlers zum aktuellen Status des Internets, das vor nicht allzu langer Zeit noch als Freiheits- Fortschritts- und Bildungsinstrument gefeiert wurde, das aber heute – im Empfinden des Künstlers – durch massive Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte des Menschen seine Unschuld vollkommen verloren hat.

CUT!
Ich lebe überall auf der Welt und das ist möglich, weil das Internet meine Bühne ist.“, sagt Rafaël Rozendaal (*1980), ein weiterer Künstler im Zeichen seiner Zeit. Sein Werk besteht aus einer riesigen Menge an Domain-Namen. Jede Website ist ein einzelnes Kunstwerk und zugleich Titel der Arbeit. Jede Arbeit zeigt eine verdichtete Version einer virtuellen Idee. Die Themen reichen von lavaspukenden Vulkanen, klingenden Planeten, von Küssen, über Geld, Blut und Popcorn bis hin zu virtuellen Zeitreisen. Er selbst nennt sich „URL-Fetischist“. Auf seinen Lippen steht das Wort „Internet“ tätowiert.

Das Internet – die Leinwand des 21. Jahrhunderts? Rafaël Rozendaal hat dies richtig erkannt: „Die Menschen geben sehr viel Geld für Häuser mit einer guten Aussicht aus, aber sie verbringen mehr Zeit damit auf den Bildschirm zu schauen“, stellt Rozendaal fest und kreiert ein Werk nach dem anderen. Seine Webseiten ziehen heute jährlich über 40 Millionen Besucher an. Sie zeigen dass selbst mit minimalen Programmierkenntnissen net.art von Weltruhm entstehen kann. 

Mehr als das: denn für viele ist das Internet DAS Fenster zur Welt – eine demokratische Plattform, die von jedem individuell genutzt werden kann.

Dem Hype um seine Kunst begegnet er mit dem bescheidenen Argument, dass er auch nichts anderes täte als Künstler, die vor ihm Bilder mit Farben und Formen geschaffen haben. Mit dem Unterschied, dass er mit den ihm zur Verfügung stehenden neuen Technologien arbeitet.  Und von diesen ist er überzeugt: „Ich glaube, wenn Leonardo da Vinci gewusst hätte, dass es einmal eine magische Box gibt die mit einem reden kann, dass sich diese Box mit Farbe, Sound und Bewegung bearbeiten lässt und dass sich jeder kostenlos, zu jeder Zeit interaktiv Bilder darin anschauen kann, wäre er begeistert gewesen.“

Zwei Künstler wie sie unterschiedlich nicht sein können!
Dem Ausmaß digitaler Kunst oder Texte sind keine Grenzen gesetzt. Doch in der Vermittlung ist ein Umdenken nötig.

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